By Heart Story of Love 2

Die Geschichte mit der Liebe: Wieso bestimmte Erzählmuster immer wiederkehren.

Geschich­ten dür­fen sich wie­der­ho­len. Gros­se Geschich­ten­er­zäh­ler grei­fen immer wie­der auf bestimm­te Erzähl­mus­ter zurück, sie vari­ie­ren die­se, rücken sie in eine aktu­el­le Per­spekt­ve. Die Lie­bes­ge­schich­te ist ein schö­nes Bei­spiel dafür, dass die Grund­zü­ge einer Geschich­te nicht neu erfun­den wer­den müs­sen, wenn man Men­schen errei­chen will. Wir müs­sen die Geschich­te nur immer wie­der neu erzählen.

By Heart Story of Love

Von Medea und Jason über Romeo und Julia bis zur «Lie­be in den Zei­ten der Cho­le­ra» von Gabri­el Gar­cia Mar­quez oder dem 2019 gefei­er­ten Buch des jun­gen Autors Oce­an Vuong, «On earth we’­re brief­ly gor­ge­ous»: Gros­se Lie­bes­ge­schich­ten wer­den immer und immer wie­der erzählt, ohne uns jemals lang­wei­lig zu wer­den. Wir wol­len sol­che Geschich­ten immer wie­der hören und lesen, weil sie ein tief in uns ver­wur­zel­tes Sche­ma akti­vie­ren. Und weil wir offen­sicht­lich mehr als bereit sind, immer wie­der zu erfah­ren, wie die­ses Sche­ma bedient wird: Ein­mal wird es voll und ganz erfüllt und es kommt zur glück­li­chen Ver­ei­ni­gung zwei­er Lie­ben­den, ein­mal bleibt die Lie­be uner­füllt, ein­mal wird das Sche­ma grund­le­gend her­aus­ge­for­dert und hin­ter­fragt, ein ande­res Mal wird das Sche­ma mit ande­ren Erzähl­mus­tern gemischt: Kurz, es gibt unzäh­li­ge Mög­lich­kei­ten, eine Lie­bes­ge­schich­te immer wie­der neu und attrak­tiv zu erzäh­len, gera­de indem und weil auf ein immer glei­ches, archai­sches Erzähl­mus­ter zurück­ge­grif­fen wird.

Vie­le Unter­neh­men sind heu­te in einem Pro­zess ganz fun­da­men­ta­ler Trans­for­ma­ti­on und erle­ben die­sen Umbruch als «Hero’s Jour­ney», als eine Hel­den­rei­se in Rich­tung einer Läu­te­rung und Neu­ori­en­tie­rung. Wenn zwei Mar­ken wie Audi und Mer­ce­des-Benz vor den glei­chen «Calls to Adven­ture» einer neu­en Mobi­li­täts­zu­kunft ste­hen, so ist es nur ver­ständ­lich, dass bei­de das glei­che Erzähl­mus­ter der Hel­den­rei­se abru­fen, um ihre Sto­ry emo­tio­nal ver­mit­teln zu können.

Audi spricht auf sei­ner Web­site davon, sich «raus aus der Kom­fort­zo­ne» zu bewe­gen, was zu einem der grund­sätz­li­chen Moti­ve der Hel­den­rei­se gehört.

Mer­ce­des spricht in sei­nen neu­en Stra­te­gie-Unter­la­gen (2020) von einem neu­en Ansatz, Luxus zu defi­nie­ren und Luxus erleb­bar zu machen («We will pro­vi­de the luxu­ry expe­ri­ence across all touch­points») und defi­niert damit einen dif­fe­ren­zie­ren­den «Approach», wie es den Her­aus­for­de­run­gen der Zeit begeg­nen will, was wie­der­um einem typi­schen Erzäh­lele­ment der Hel­den­rei­se ent­spricht. Und doch, obwohl bei­de Unter­neh­men einem iden­ti­schen Erzähl­mus­ter fol­gen, ent­wi­ckeln sie völ­lig ande­re Geschich­ten, evo­zie­ren sie ande­re Bil­der, ver­wen­den sie eine ande­re Spra­che. Sie adres­sie­ren zwar bei­de unser archai­sches Bedürf­nis nach Hel­den­ge­schich­ten und ent­wi­ckeln den­noch völ­lig eige­ne und mar­ken­ty­pi­sche Stories.

Es geht also im Sto­ry­tel­ling nicht dar­um, neue Erzähl­mus­ter zu ent­wi­ckeln. Son­dern im Gegen­teil gera­de dar­um, immer schon bestehen­de Erzähl­mus­ter zu nut­zen, um die tief in uns Men­schen ver­an­ker­ten Bedürf­nis­se auf effi­zi­en­te Art zu trig­gern. Denn Erzähl­mus­ter sind so etwas wie das Rönt­gen­bild der mensch­li­chen See­le, das sich über ein jahr­tau­sen­de­lan­ges Geschich­ten­er­zäh­len her­aus­ge­bil­det hat. Die­se Mus­ter spie­geln, was kei­ne Neu­ro­psy­cho­lo­gie exak­ter wider­ge­ben kann: Sie spie­geln, was uns Men­schen umtreibt, was wir hören wol­len, was uns emo­tio­nal berührt und akti­viert. Wir tun als Geschich­ten­er­zäh­ler also gut dar­an, uns ihrer zu bedie­nen. De fac­to ist es eine begrenz­te Anzahl an bewähr­ten Erzähl­mus­tern, die wir in unse­rer Arbeit immer wie­der ver­wen­den, immer wie­der mit neu­em Inhalt fül­len und immer wie­der neu inter­pre­tie­ren. Auch die­se Fas­zi­na­ti­on für die his­to­risch gewach­se­ne Samm­lung an wir­kungs­star­ken Erzähl­mus­ten ist so eine Art Lie­bes­ge­schich­te! Eine, die wir hier ger­ne wie­der ein­mal erzählt haben.

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